Löwen I
"Blumenberg hatte gerade eine neue Kassette zur Hand genommen, um sie in das Aufnahmegerät zu stecken, da blickte er von seinem Schreibtisch auf und sah ihn. Groß, gelb, atmend; unzweifelhaft ein Löwe. Der Löwe sah zu ihm her, ruhig sah er zu ihm aus dem Liegen, denn der Löwe lag auf dem Bucharateppich, in geringem Abstand zur Wand.
Es mußte ein älterer Löwe sein, vielleicht nicht mehr ganz bei Kräften, aber mit der einzigartigen Kraft begabt, da zu sein. (...) Nur nicht die Fassung verlieren, gerade in diesem Falle nicht, sagte sich Blumenberg, vielleicht geriet der Satz weniger korrekt, obwohl Blumenberg auch beim Finden von Sätzen im Kopf eine eiserne Disziplin zu wahren pflegte, weil er sich daran gewöhnt hatte, geordnet und nicht etwa überstürzt sich Sätze zurechtzulegen (...). Blumenberg wußte sofort, daß hier viel falsch zu machen war und nur eines richtig: Abwarten und die Fassung bewahren. (...)
Kurios war nur, daß vom Löwen garnichts Undeutliches, Verschwebtes, Löwen-und Luftatomvermischtes ausging; seine Umrisse zitterten nicht im Hin und Her der wellendurchlaufenden Gedanken Blumenbergs; es bltzten keine löwenköpfigen Spiegelneuronen und bewimmelten das kristalline Geflirr einer Halluzination. Der Löwe war da. Habhaft, fellhaft, gelb."
Sibylle Lewitscharoff. Blumenberg. Suhrkamp 2011 Nominiert auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2011



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